Achtung! / Attention!

Diese Seite ist Teil unser alten Internetpräsenz, die nicht weiter gepflegt wird. Besuchen Sie auch unsere neue Präsenz unter http://ig.cs.tu-berlin.de.
This page is part of our former website that is not being maintained anymore. You may want to visit our new website at http://ig.cs.tu-berlin.de.


Kann eCommerce zur Schwächung von Nationalstaaten beitragen?

Tauschringe - existierende regionale Zweitökonomien

Seit Jahrzehnten gibt es Kleinökonomien, die nicht an eine "echte", nationalstaatliche Währung gekoppelt sind. Sind sie ein Vorbild für den elektronischen Handel? Wird auch eCommerce zu Umsätzen führen, die dem Tausch näher sind als dem Kauf?

Eine elektronische Münze wird auf dem heimischen Rechner hergestellt. Dann wird dieser Münze von einer Bank beglaubigt, daß sie eine "echten" Münze entspricht. Durch diese Beglaubigung ist die selbstgebastelte Münze an die echte Währung wie z.B. "Euro" gekoppelt. Die Beglaubigung durch eine Bank ist aber nur nötig, wenn die elektronische Münze für eine echte Münze bürgen soll. Tauschringe sind ein Beispiel dafür, daß Geld auch dann glaubwürdig sein kann, wenn es innerhalb eines Kollektives selbst hergestellt und verwaltet wird.




Die ökonomische Grundlagen der Tauschringe

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hat der Ökonom Silvio Gesell (1862 bis 1930) die Grundlagen geschaffen, auf denen echtgeldloser Tausch funktioniert. In sogenannten "Tauschringen" schließt sich ein Kollektiv von Bürgern zusammen, die untereinander in einer eigenen Währung Tauschgeschäfte abschließen. Diese eigene Währung hat in der Praxis oft pfiffige Namen wie etwa im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg -dort konnte man in zahlreichen Geschäften mit "Knochen" einkaufen. Von Silvio Gesell haben die Tauschringe den Grundgedanken übernommen, daß ihre Währung nicht verzinst wird, sondern stattdessen "Schwundgeld" ist. Schwundgeld hat die gleiche Eigenschafte wie alle Waren - es verrottet. Diese "negativen Zinsen" sollen zu Konsumförderung führen und Chancen für eine umwelt- und menschengerechtere Wirtschaftsordnung bieten. Neben der Ökonomie von Silvio Gesell berufen sich die Tauschringe auch auf die Theorie des Kommunitarismus ("vom Wohlfahrtsstaat zur Wohlfahrtsgesellschaft").

Die eigene Verrechnungseinheit ermöglicht indirekten Tausch von Dienstleistungen. Ein Rentnerin kann beispielsweise die Dienstleistung "Marmelade einkochen" gegen die Dienstleistung "Fahrrad reparieren" eines Studenten tauschen, ohne daß die beiden sich begegnen. Stattdessen bekommen beide für ihre Dienstleistungen einen "Knochen", den sie wieder gegen andere Dienstleistungen tauschen können.



Die vier Leitmotive von Tauschringen

  • Billiger wirtschaften: Eine Handwerkerstunde kostet beispielsweise in echter Währung das Mehrfache dessen, was die Bezahlende selbst innerhalb einer Stunde verdienen kann. Deswegen ist es billiger, eine Stunde Arbeit gegen eine Stunde anderer Arbeit zu tauschen.
  • Gerechter tauschen: Hier geht es nach dem Motto "gleicher Lohn für gleiche Arbeit" um gelebte Sozialkritik.
  • Einander helfen: Wer nicht mehr gewinnorientiert handeln muß, hat kein Zwang mehr zum Profit.
  • Anders leben - mehr Lebensqualität: Wer tauscht, gehört dazu. Tauschringe werden auch als moderne Form der Nachbarschaftshilfe betrachtet.


Was Tauschringe nicht wollen

  • Geld ist eine Kulturerrungenschaft, die nicht preisgegeben werden soll. Die private Währung ist vielmehr nur eine sinnvolle Ergänzung.
  • Tauschringe wollen keinen Schwarzmarkt, weil dieser eine undemokratische Elendsökonomie auf Basis des Nottausches ist.
  • Tauschringe sind keine Weltanschauungsgemeinden.


Beispiele

  • Die Seniorenhilfe Dietzenbach hat 1.200 Mitglieder.
  • Historisch: Die österreichische Gemeinde Wörgl führte 1932 Schwundgeld ein. Innerhalb eines Jahres sank die Arbeitslosigkeit um 25 %, während sie gleichzeitig im restlichen Österreich um 20 % stieg. (http://userpage.fu-berlin.de/~roehrigw/spiegel/)
  • Seit der Gründung des ersten Tauschrings 1992 sind in der BRD inzwischen ca. 200 dazugekommen.


kommerzielle Barter-Ringe

Barter-Ringe" sind kommerzielle Tauschringe. Sie führen in Deutschland ein Schattendasein, sind aber in anderen Ländern erstaunlich aktiv.

  • 1993 waren in der Schweizer Wirtschaftsring Genossenschaft "WIR" 17 % aller (!)schweizer Unternehmen Mitglied.
  • In den USA erwirtschaften ca. 400 Barter-Firmen rund 300 Milliarden Dollar Umsatz.


Wird der Nationalstaat durch eCommerce ausgehöhlt?

Elektronisches Geld kann zum florierenden Handel von Dienstleistungen im Internet führen. Die dabei entstehenden Umsätze sind dann nur schwer besteuerbar - eine "Steueroase Internet" könnte manches Unternehmen zum Prägen eigener Währungen verlocken. Wer beispielsweise auf einen Werbebanner klickt, bekommt als Belohnung zehn "AltaVista-Dollar", die man vielleicht bei Microsoft gegeneine HTML-Code-Pflege tauschen kann. Diesem außerstaatlichen Handel fehlt die soziale und ökologische Verantwortung, die auf nationalstaatlichen Währungen ruht. Wieder einmal führt die Globalisierung nur zur Privatisierung der Gewinne, während die Kosten von den deregulierten Staaten kaum noch getragen werden können.

Während Tauschringe regional verankert sind, kann eine Internet-Währung nicht an eine Region gebunden sein, aber. Ob sich dadurch die gleichen belebenden Konjunkturimpulse erreichen lassen, wie sie von den zahlreichen regionalen Zweitökoniem bekannt sind, ist fraglich.



Literatur zu Tauschringen